Einführung in die Feministische Theorie und Gender Studies

EINLEITUNG

Das Bild der Frau änderte sich im Laufe der Zeit immer wieder. Und doch blieben bestimmte Aspekte gleich. Es gibt eine gute Frau und eine böse Frau, die sich jeweils durch bestimmte Eigenschaften auszeichnen. Die Prinzessin und die Hexe. Diese Bezeichnungen, die Frauen gegeneinander ausspielen sollen, führen zu einem alten Konflikt. Denn es ist eine Entscheidung die man als Frau individuell treffen muss. Auf welche Seite stellt man sich, manchmal auch unfreiwillig, durch bestimmte Entscheidungen die man im Leben trifft? Im Spiegel dieses Konflikts wird auch die eigene Wahrnehmung beeinträchtigt.
Darum möchte ich versuchen folgende Frage mit dieser Arbeit zu beantworten:
Wie transportiert die Erzählung von Märchen ein Frauenbild, welches nicht nur die Wahrnehmung der Frau von Außen, sondern auch ihr inneres Selbstbild beeinflusst?
Diese Frage impliziert auch, dass bestimmte Zuschreibungen existieren. Sie existieren unabhängig von dem eigenen Dasein als Frau und wie man dieses erlebt. Aufgrund vereinzelter Handlungen, Entscheidungen oder bestimmter Eigenschaften kommt es zu einer Zuordnung. Gehört frau den Prinzessinnen oder den Hexen an? Daran sind auch Erwartungen an das weibliche Verhalten, (männliche) Ängste und (männliche) Wunschträume geknüpft. Zum einen existiert das Bild der Maria Mutter Gottes. Das Bild einer jungfräulich empfangenden Frau, die engelsgleiche Unschuld ausstrahlt. Sie suggeriert die Bereitschaft, ihren Mitmenschen gerne zu Diensten zu sein und bei ihren Entscheidungen zuerst an die anderen Menschen zu denken (vgl. Gilbert/Gubar. 1984: 20). Im Gegensatz zu diesem Bild steht Maria Magdalena. Als Gegenpart zu der jungfräulichen Maria Mutter Gottes, wird hier ein ‚widerspenstiger‘ Typus von Frau bezeichnet. Um als ‚widerspenstig‘ zu gelten reicht oft schon der Verdacht auf einen eigenen Willen, eigene Wünsche, Ziele und Träume die eine Frau verfolgt, unabhängig von einer anderen Person und nicht willens diese Dinge den Ideen einer anderen Person bedingungslos unterzuordnen. In unserer Gesellschaft ist es immer noch so, dass diese Hingabe an das Leben Anderer von Frauen erwartet wird. Ist man bereit sich aufzuopfern fällt man in die Rolle der guten, reinen Prinzessin. Und somit auch in die Rolle der idealen Frau(vgl. Gilbert/Gubar. 1984: 21). Nimmt man als Frau jedoch die eigenen Bedürfnisse bevorzugter wahr, als die der Mitmenschen, gerät man in das Schema der egoistischen Hexe. Walter bringt die Rolle der Hexe wie folgt auf den Punkt: „Dieses Unbehagen gegenüber mächtigen Frauen tritt uns überall in unserer Kultur entgegen“ (ebd. 2010: 263). Deshalb möchte ich in dieser Arbeit kurz dem ‚Mythos der Frau‘ nachgehen und diesen im Sinne von Gubar und Gilbert im Rahmen der Erzählungen von Schneewittchen und Rapunzel aufarbeiten. Damit möchte ich zeigen, dass in beiden Märchen Parallelen existieren, welche die Zerrissenheit und den inneren Konflikt der Frauen verdeutlichen sollen.

 

VOM MYTHOS ZUM FRAUENBILD

MYSTISCHE WEIBLICHKEIT

Das Frau-Sein ist ein Zustand, der aus vielen kleinen Entscheidungen besteht. Dabei geht es vor allem darum welcher Typ von Frau man sein möchte. Die Möglichkeit ein einzigartiges, komplexes Individuum zu sein ist Frauen häufig nicht gegeben. Folgende Feststellung über das kreative Schaffen der Schriftstellerinnen, trifft auch auf Frauen im Allgemeinen zu:
„[…] self-definition necessarily precedes self-assertion: the creative ‚I AM‘ cannot be uttered if the ‚I‘ knows not what it is. […] self-definition is complicated by all those patriarchal definitions that intervene between herself and herself“ (Gilbert/Gubar. 1984: 17). Im Gegensatz zu Männern, werden sie nicht als individuelle menschliche Wesen mit unterschiedlichen Eigenschaften wahrgenommen, sondern aufgrund ihrer Eigenschaften bestimmten Bilder zugeordnet welche die Gesellschaft von der Weiblichkeit hat.
“Frauen versteht doch kein Mensch” Dieser geläufige Spruch impliziert nicht nur, dass die Frau ein Mythos ist, deren Wesen man nicht imstande ist zu entschlüsseln, vielmehr sagt uns dieser Satz etwas über die Wahrnehmung der Frau als nichtmenschliches Wesen, im Gegensatz zu einem Menschen, mit anderen Worten einem Mann. Es scheint als würden sich Frauen immerzu in einer anderen Sphäre bewegen als Männer. Denn die Handlungen einer Frau bestimmen, mehr als bei Männern das Bild das ihre Mitmenschen von ihr haben werden. Interessant ist auch, dass man als Frau nicht nur auf eines der beiden Bilder reduziert wird, sondern gar nicht die Möglichkeit bekommt einzelne Schattierungen oder Überlappung in der eigenen Persönlichkeit wahrzunehmen. Man kann sich selbst als Frau nur als das eine oder das andere definieren. Die Idee einer komplexen, ja menschlichen Persönlichkeit kommt gar nicht erst auf. Natasha Walter schreibt, dass dieser Determinismus uns blind macht für die eigentliche Vielfalt unter Frauen. Anstatt sich auf die unterschiedlichen Begegnungen und ihre Unberechenbarkeit einzulassen, sollen wir glauben dass es vorgefertigte Schemata gibt (vgl. Walters. 2010: 248). So kommt es zu dem Satz den ich zu Beginn erwähnt habe. „Frauen versteht doch kein Mensch“ impliziert, dass die Persönlichkeit von Frauen zu komplex ist um sie jemals verstehen zu können. In Wahrheit sagt uns dieser Satz aber, dass der Mann als menschliches, als komplex denkendes Wesen, die einfachen Gedankengänge einer Frau, eines nichtmenschlichen Wesens nicht nachvollziehen kann. Denn die Frau muss in der Annahme der Männer ein simples Wesen sein, da sie nur zwei Möglichkeiten hat zu existieren. Als Engel oder als Hexe.
Die Idee von einer Andersartigkeit der Frau, lässt sich auch auf diesen Hexe-Prinzessinnen Konflikt zurückführen. Im geläufigen Bild der Gesellschaft weiß eine Frau nie was sie will, sie kann sich nicht entscheiden, das eine oder das andere. Ständig ändert sie ihre Meinung, ist sozusagen im Konflikt mit sich selbst. Da Frauen nur die Möglichkeit bleibt die eine oder die andere extreme Seite zu wählen, sind Kompromisse im gesellschaftlichen Bild der Frau nicht denkbar. Beispielsweise eine fürsorgliche Mutter sein und gleichzeitig den eigenen Beruf zu lieben. Oder Freude an der eigenen Sexualität, aber dennoch Interesse an festen Bindungen. Oder auch Interesse an Mode und Nagelpflege, aber dennoch interessiert an den neuesten wissenschaftlichen Publikationen. Das Interesse oder die Befähigung in einem dieser Bereiche, scheinen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung das jeweils andere fast zwangsläufig auszuschließen. Bei einem menschlichen Mann hingegen, ist es üblich zu behaupten ein berufstätiger Vater könne sehr wohl auch ein fürsorglicher Vater sein. Auch kann ein menschlicher Mann häufiger sein Äußeres pflegen ohne in Verdacht zu geraten seine geistigen und kulturellen Interessen zu vernachlässigen.
Im Gegensatz zu der Menschlichkeit des Mannes, steht immer der Mythos der Frau. Dieser Mythos ist sehr alt und hat seine Wurzeln in der westlich-christlichen Kultur. Diese ist stark von der heiligen Dreifaltigkeit geprägt, welche aus Vater, Sohn und heiligem Geist besteht. Ein weiblicher Part ist in dieser Konstellation nicht vorhanden und erscheint so zwangsläufig dem Weltschöpfer untergeordnet. Bei der wichtigsten christlichen Frauenfigur, der Jungfrau Maria, fällt auf, dass im Gegensatz zu der in anderen Kulturen weit verbreiteten Verehrung der weiblichen Fruchtbarkeit die Idealvorstellung einer unbefleckten Empfängnis vorherrscht. Die dichotome Projektion und der Gegenentwurf zur Heiligen findet sich in der Bibel, im neuen Testament, jedoch auch in Gestalt von Maria Magdalena. Sie entspricht dem Stereotyp der von einer übersteigerten Sexualität charakterisierten Hure (vgl. Leibnitz. 2007: 158f). Peter Dinzelbacher sieht in der weiteren historischen Entwicklung des Heilige-oder-Hexe-Bildes einen roten Faden: „Immer sind es die Männer, Theologen, Richter, geistliche und weltliche, die wissen, welche Frau verbrannt und welche zur Heiligen erklärt werden muss“ (ebd. 2001: 14).
Ein weiterer Mythos den ich im Rahmen dieser Arbeit kurz ansprechen möchte, da er im Folgenden noch eine Rolle spielt, ist jener der weiblichen Konkurrenz. Denn dieser Mythos ist von Bedeutung wenn es zu einer Unterscheidung zwischen Prinzessin und Hexe kommt. Devereux behauptet, dass die Bewusstwerdung der Unmöglichkeit ein echter sexueller Partner für die Mutter zu sein, für Frauen eine enttäuschende Entdeckung darstellt. Auf diese Situation führt er auch die ewige Rivalität des Mädchens mit der Mutter zurück und nennt das Buhlen um die Liebe des Vaters eine schöpferische Identifikation der Tochter mit der Mutter. Diese sichert der Tochter auch die Ausprägung ihrer Weiblichkeit (vgl. ebd. 1982: 17). Diese Freudsche Idee ist zurecht umstritten und mittlerweile auch widerlegt1. Dennoch bietet das Bild von Devereux einen interessanten Ansatzpunkt für die ambivalente Beziehung der Frau zu sich selbst. Die Identität der Frau beruht auf der Abgrenzung von anderen Frauen. Virginia Woolf schreibt darüber: „Und wiederum werde ich durch einen kurzen Blick in Zeitungen und Romane und Biografien daran erinnert, daß[sic] eine Frau, wenn sie zu Frauen spricht, etwas sehr Unangenehmes parat haben sollte. Frauen sind hart gegen Frauen. Frauen mögen Frauen nicht. […] Die Wahrheit ist, oft mag ich Frauen. Ich mag ihre Ungezwungenheit. Ich mag ihre Feinsinnigkeit. Ich mag ihre Anonymität. Ich mag – aber so darf ich nicht weiterreden“ (ebd. 2012:109). Dieses Denken von allgegenwärtiger weiblicher Konkurrenz lässt es auch nicht zu, Aspekte einer anderen Frau in sich selbst zu erkennen oder zu akzeptieren.

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Wir haben also nun festgestellt, das die Mystifizierung von Frauen in starken Zusammenhang mit den Bildern steht die Frauen zur Auswahl haben, wenn sie ihr eigenes Ich bestimmen möchten. Der Mythos der Frau dient dem Einschließen der weiblichen Identität in eine bestimmte Kiste. Durch diese Zuordnung verliert das Weibliche seine Bedrohlichkeit. Wie das funktioniert erklären Gilbert und Gruber auf wunderbare Weise in ihrem feministischen Manifest. In „The mad woman in the attic“ greifen die Autorinnen ebenfalls den Mythos der zwei Bilder auf und bearbeiten ihn mithilfe eines Märchens. Das Märchen von Schneewittchen. Hier interessiert mich besonders der Bruch zwischen Prinzessin und der bösen Zauberin, häufig auch als Hexe bezeichnet. Bei der Aufarbeitung dieser Geschichte soll sichtbar werden, wie sehr der ‚Mythos der Frau‘ und ihre Teilung in Engel und Hexe nicht nur die Wahrnehmung der Frauen von außen beeinflusst, sondern vor allem ihr Selbstbild. Das Bild der Maria haben wir am Anfang schon kennengelernt. Es ähnelt sehr stark der Rolle der Prinzessinnen in den beiden bereits erwähnten Märchen. Auch in anderen Märchen der Brüder Grimm bekleiden die Prinzessinnen eine ähnliche Rolle: „Sie verkörpern Jugend und Schönheit, dabei sind sie freundlich, bescheiden und geduldig in ihrem Leiden. Ja, zwei von ihnen ist für lange Zeit jede Handlungsmöglichkeit benommen, sie sind einem todesähnlichen Zauberschlaf verfallen, aus dem erst ein Königssohn sie wieder erwecken kann“ (Köhler-Zülch. 1991:7).
Ich möchte nun kurz das Märchen von Rapunzel in Erinnerung rufen, um dann die Symbolik bestimmter Bilder aus diesem Märchen mit Schneewittchen zu vergleichen. Das Märchen beginnt mit dem dringenden Wunsch eines Paares ein Kind zu bekommen. Als die Frau schwanger ist, gelüstet es sie immer mehr nach den Rapunzeln aus dem Nachbarsgarten. Bedeutsam ist hier vor allem, dass sie während ihrer Schwangerschaft immer öfter durch ein Fenster sehnsüchtig in den blühenden, bunten Garten sieht, der ihr unerreichbar scheint. Um seine Frau zu beruhigen, begeht der Mann Diebstahl und pflückt die Rapunzeln die im Nachbarsgarten wachsen. Nach dem Verspeisen des Salats möchte die Frau jedoch mehr von den Rapunzeln und als der Mann ein weiteres Mal in den Garten einbricht wird der von der Nachbarin erwischt, die eine Zauberin ist. Sie will ihm vergeben, wenn er ihr dafür das Kind nach der Geburt überlässt. Der Mann willigt voller Angst ein. Nach der Geburt holt sich die Zauberin das Mädchen und als es 12 Jahre alt ist, sperrt sie es in einen Turm der keine Türen besitzt. Von da an gelangt die Zauberin zu ihr, indem Rapunzel ihr Haar hinablässt und sie daran raufklettert. In ihrer Einsamkeit beginnt Rapunzel zu singen und lockt damit nach einigen Jahren einen durch den Wald reitenden Königssohn heran. Dieser beobachtet das Szenario in dem Rapunzel ihr Haar der Zauberin herunter lässt, nachdem diese „Rapunzel Rapunzel, lass dein Haar herunter“ gesprochen hat. Als die Zauberin fort ist, spricht er ihr nach und klettert daraufhin zu Rapunzel in den Turm. Beide sind voneinander hingerissen. Der Königssohn besucht sie immer wieder, bis Rapunzel sich bei der bösen Zauberin verrät und daraufhin schneidet diese Rapunzel die Haare ab und schickt das Mädchen in die Wüstenei. Als der Königssohn wieder vorbeikommt, wird er von der bösen Zauberin getäuscht und in seinem Schrecken fällt er aus dem Turm und sticht sich an den Dornen der Rosen beide Augen aus. Nach Jahren in denen er hilflos umherirrt, findet er schließlich seine Rapunzel durch ihren Gesang wieder und als ihre Tränen seine Augen benetzen, kann er wieder sehen (vgl. URL2).
Im Märchen von Rapunzel ist die grundsätzliche Symbolik jene des Märchens von Schneewittchen. Es gibt zwei zentrale Frauenrollen, die jedoch in Wahrheit zu einer verschmolzen zu sein scheinen. Eine Besonderheit sehe ich vor allem in den verschiedenen Frauenfiguren, die im Märchen von Bedeutung sind. Da wären die Mütter der Prinzessinnen, die Prinzessinnen selbst und nicht zuletzt die böse Zauberin, von mir im Folgenden kurz als Hexe bezeichnet.
Gilbert und Gubar von einer Vereinigung der Figuren in jeder Frau. Der Versuch der Hexe, sich von der Prinzessin zu befreien, gleicht dem Versuch der Prinzessin die Hexe in sich zu unterdrücken (vgl. ebd. 1984: 41).
Auch im Märchen von Rapunzel sehe ich diese Vereinigung der Figuren, die Mutter die aufgrund ihrer unerfüllten Wünsche sehnsüchtig in den reichen Nachbarsgarten blickt, gleicht ihrer Tochter, die einsam in einem Turm ohne Türen vor sich hinsingt. Auch Schneewittchen glich ihrer Mutter, denn stets ist nur von ihrer Schönheit und nicht von ihren Taten die Rede(dies. 1984: 34). Die böse Hexe kann als handelnder, denkender und selbstbewusster Teil jeder Frau begriffen werden. Sie versucht die Kontrolle zu behalten. Die Rolle der Männer in Schneewittchen wird von Gilbert und Gubar als kaum vorhanden beschrieben. Vielmehr geht es in diesen Märchen tatsächlich um einen Konflikt zwischen zwei Frauen. Dieser wird allerdings von dem männlichen Part geschürt: „His, surely, is the voice of the looking glass, the patriarchal voice of judgement that rules the Queen’s – and every woman’s – self evaluation“ (ebd. 1984: 38). Ähnlich ist das Vorkommen von Männern in Rapunzel. Der Vater spielt nur zu Beginn eine Rolle, als er für die Mutter die Rapunzeln aus dem Garten der Hexe entwendet. Er leistet also Beihilfe zur Befriedigung der Bedürfnisse seiner Frau. Interessant ist hier, dass er die Bedürfnisse seiner Frau nur durch einen Diebstahl in einem blühenden, farbenfrohen Garten einer anderen Frau stillen kann. Dieser Garten der Hexe könnte als Zeichen für ihre freie Entfaltung und Unabhängigkeit gesehen werden. Die Ehefrau wirft sehnsüchtige Blicke in den Garten, den sie nie besitzen wird. Damit ihre Sehnsucht nicht zu groß wird und sie von ihrem Weg als Frau abkommen könnte, stiehlt ihr Gatte eine Kleinigkeit, man könnte fast sagen als Trost. Die Sehnsucht wird jedoch nach dem Genuss des Rapunzelsalats immer größer und so muss weiter aus dem Garten der Freiheit gestohlen werden um nicht das Risiko einzugehen die eigene Frau an so einen Garten zu verlieren. Die Hexe verlangt nach Entdeckung des Diebstahls das Kind. Man könnte meinen, sobald die selbstbestimmte Hexe den Teil in sich entdeckt, der die Lebenssituation der Ehefrau wiederspiegelt, nämlich das häusliche, für sie vorbestimmte Leben, möchte die Hexe gleich wieder die Kontrolle über ihr Handeln erlangen. Das tut sie, indem sie das Kind an sich nimmt, noch bevor dieser Teil einen Einfluss ausüben kann. Interessant ist der Zeitpunkt, als sie es in einen Turm sperrt, nämlich vor der Reifung zur Frau, vor der Pubertät. Man könnte versuchen in diesem Verlangen das Kind unter ihre Kontrolle zu bringen, einen Wunsch zu sehen einen Teil des eigenen Selbst kontrollieren und unterdrücken zu können. Und zwar den Teil der die Maria Mutter Gottes, die Unschuld und die Reinheit repräsentiert, das junge Mädchen. Ähnliches passiert in Schneewittchen, das junge Mädchen reift heran und wird zusehends zur Gefahr für die Stiefmutter. „Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne“ (URL 2), so heißt es im Originalmärchen. Ähnlich verläuft es bei Schneewittchen, deren Schönheit zu einer Bedrohung für die Stiefmutter wird. Der Begriff der Schönheit könnte meiner Ansicht nach mit dem Gedanken an ein reines, folgsames Mädchen gleichgesetzt werden. Der Eintritt in die Pubertät und die Reifung der Prinzessin zur Frau wird also als wachsende Gefahr für die selbstbestimmte Hexe gesehen, denn das ‚Gefallen-wollen‘ könnte zu einem Kontrollverlust über ihr selbstbestimmtes Leben und Handeln führen.
In Schneewittchen gelangt schlussendlich ein weiterer Mann, nämlich ein Prinz zu dem scheinbar toten Mädchen und ist gebannt von ihrem Anblick im gläsernen Sarg. In dieser Situation ist die Prinzessin mehr bestärkt in ihren engelhaften Eigenschaften als je zuvor: „For, dead and self-less in her glass coffin, she is an object, to be displayed and desired, patriarchy’s marble ‚opus‘“ (Gilbert/Gubar. 1984: 41).
In Rapunzel spielt ebenfalls ein Prinz die entscheidende Rolle in dem Konflikt der Frau mit sich selbst. Diesmal wird das Mädchen nicht gesehen, sondern akustisch durch ihre Gesänge vernommen. Diese genügen um den Prinzen zu überzeugen, dass er nicht länger ohne diese himmlische Stimme leben kann. Zunächst ist es nicht so ein offensichtliches Bild wie ein schönes Mädchen in einem gläsernen Sarg, es sagt uns jedoch ebenfalls viel über das Frauenbild in diesen Märchen. Eine weiche, zarte Stimme und Gesänge die dem Ohr schmeicheln, anstatt einer Stimme die sich erhebt und von bedeutsamen Dingen spricht oder die vielleicht sogar bedrohlich klingt. Das bleibt der Hexe überlassen.
Wir können aus dieser Analyse mitnehmen, dass in beiden Märchen ein Kampf zwischen der Schönen und dem Biest tobt, der symbolisch im Inneren einer jeden Frau ausgetragen wird.

 

CONCLUSIO: „EINEN EIGENEN GARTEN“

Wir haben nun dank der repräsentativen Märchen von Schneewittchen und Rapunzel festgestellt, dass Frauen häufig nur auf zwei Arten gesehen werden. Da Frauen mit diesem Blick von außen und den damit verbundenen Zuschreibungen ständig konfrontiert sind, führt das oft dazu, dass Frauen sich selbst nur auf diesen zwei Ebenen wahrnehmen. Virginia Woolf möchte die Frauen ihren inneren Engel töten lassen um die selbstbestimmte Hexe zu Kräften kommen zu lassen. Gilbert und Gubar weisen jedoch darauf hin, dass dies ein Fehler wäre. Denn auch der Engel ist ein Teil der Frau. Und einen Teil von sich zu zerstören, würde das Monster oder die Hexe im Haus verdoppeln und so ebenfalls das kreative weibliche Schaffen zerstören (vgl. Gilbert/Gubar. 1984: 17).
Auf energische Weise kann man sich als Hexe vielleicht Zutritt zu wirtschaftlichen, sozialen und künstlerischen Männerdomänen verschaffen. Wie uns die Aufarbeitung der beiden Märchen jedoch lehrt, müssen Frauen nicht nur lernen ihre zweite Seite als Engel zu akzeptieren, sondern realisieren, dass sie aus keinem der zwei Bilder wählen müssen. Denn beide sind vorgegebene Muster des Patriachats, die existieren um Frauen in ihrer Selbstbestimmung einzuengen. Wie können wir nun also zu einer Lösung dieses Konflikts gelangen?
Dies ist der Grund warum ich das Märchen „Rapunzel“ gewählt habe. Wir erinnern uns an den Garten, in den die Ehefrau sehnsüchtig durch ihr Fenster hineinblickte. Dieser Garten ist von größerer Bedeutung, als man zunächst glaubt:
„Jede Frau besitzt einen solchen Garten, das heißt, in ihr steckt die Anlage, sich einen Lebensraum, eine Welt zu schaffen, die alles bereit hält, was sie zum Leben braucht. Sie hat die Kraft, eine herrliche bunte Welt entstehen zu lassen“ (URL 1).
Er steckt aber nicht nur in der Frau, es verlangt auch nach einem außerkörperlichen Garten, einem Raum für sich allein in der realen als auch in der geistigen Welt. Virginia Woolf schreibt sehr schön über diesen Raum, den man sich nehmen muss. Die großen Dichterinnen sind unter uns, sie brauchen nur die Gelegenheit: „wenn […] jede von uns fünfhundert im Jahr und ein eigenes Zimmer hat; wenn wir die Freiheit gewohnt sind und den Mut haben, genau das zu schreiben, was wir denken; wenn wir dem gemeinsamen Wohnzimmer ein wenig entfliehen und Menschen nicht immer in Beziehung zueinander, sondern in ihrer Beziehung zur Wirklichkeit sehen; […] wenn wir dem Faktum […] ins Auge blicken, daß[sic] kein Arm da ist an dem wir uns festhalten können, sondern wir allein gehen und daß[sic] wir Beziehung zur Welt der Wirklichkeit haben müssen und nicht nur zur Welt der Männer und Frauen, dann wird die Gelegenheit kommen“ (ebd. 2012: 111f).
Raum zur freien geistigen Entfaltung muss in jedem Fall gegeben sein, um für sich selbst Möglichkeiten zu finden diesem ewigen Konflikt zu entkommen. Andernfalls muss man den Mut finden sich diesen Raum zu nehmen. Wahre Freiheit wird im weiblichen Dasein erst möglich sein, wenn Frauen ihre Identität nicht mehr nach fremden Mustern, Bedürfnissen und Wünschen formen, sondern Wege suchen um sich selbst zu erfinden.

 

LITERATUR
Devereux, Georges. 1982. Frau und Mythos. Wilhelm Fink: München.
Dinzebacher, Peter. 2001. Heilige oder Hexen: Schicksale auffälliger Frauen. Albatros: Düsseldorf.
Gilbert, Sandra & Gubar, Susan. 1984. The mad woman in the Attic: The woman writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination. Yale University Press: New Haven.
Köhler-Zülch, Ines. 1991. Schneewittchen hat viele Schwestern: Frauengestalten in europäischen Märchen. Mohn: Gütersloh.
Leibnitz, Kimiko. 2007. Die bitch als ambivalentes Weiblichkeitskonzept im HipHop, in: Karin Bock/ Stefan Meier/ Gunter Süss (Hg.): Hip Hop meets Academia. Globale Spuren eines lokalen Kulturphänomens. Transcript: Bielefeld.
Walter, Natasha. 2010. Living Dolls: Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Krüger: Frankfurt am Main.
Woolf, Virginia. 1929 (5. Auflage, Oktober 2012). Ein eigenes Zimmer. Fischer: Frankfurt am Main.
ONLINE QUELLEN
[URL 1] Interpretation
http://www.maerchenapfel.de/rapunzel/interpretation.html
[URL 2] Original Erzählung von Rapunzel (deutsch)
http://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/rapunzel

SEKUNDÄRLITERATUR
Derungs, Kurt. 1996. Der psychologische Mythos : Frauen, Märchen & Sexismus : Manipulation und Indoktrination durch populärpsychologische Märcheninterpretation: Freud, Jung & Co. Edition Amalia: Bern.
Havran-Teubl, Sabine. 1996. Das Bild der Frau und der Mythos der Schönheit. Dipl. Arb: Univ. Wien.
Meyer, Ursula. 1999. Das Bild der Frau in der Philosophie. Ein-Fach: Aachen.
Schirilla, Nausikaa. 1996. Die Frau, das andere der Vernunft? Frauenbilder in der arabisch-islamischen und europäischen Philosophie. Univ. Diss: Frankfurt am Main.
Ziegler, Matthes. 1937. Die Frau im Märchen. Koehler &amp: Leipzig.
WEITERE ONLINE-QUELLEN.
Grimm’s Fairy Stories, by Jacob Grimm and Wilhelm Grimm
http://www.gutenberg.org/files/11027/11027-h/11027-h.htm
Die Verbürgerlichung Schneewittchens – Heide Witthöft (Peer reviewed Journal)
http://www.degruyter.com/view/j/fabl.2006.47.issue-1-2/fabl.2006.008/fabl.2006.008.xml;jsessionid=BDA95B414BE5C6BDEB52EFA7F088C739

 

 

Verfasst von Mariele Friesacher am 28.02.2014 in Wien, im Rahmen der philosophischen Fakultät Wien.