Multikulturalismus – und der Bruch zwischen Theorie und Politik am Beispiel muslimischer Frauen

Einführung
Feministische politische Theorien begleiten den Alltag beinahe aller Frauen unbewusst. Unabhängig von Herkunft, Bildung, Nationalität und anderen identitätsstiftender Faktoren, sind wir täglich eingebettet in praktische Anwendungsfelder eben dieser Theorien. Nicht nur die Medien tragen hier maßgeblich ihren Teil dazu bei. Theorie und Praxis sind im feministischen Diskurs häufig vernetzt.
Um dies näher erläutern zu können, möchte ich zunächst den Begriff der politischen Theorie im feministischen Kontext näher erläutern. Alex Demirovic schreibt das die Geschichte der politischen Theorien von besonderer Bedeutung sind, da durch sie festgelegt wird was historisch zum Politischen gehört. Schon Olympe de Gouges kritisierte, dass Texte männlicher Herkunft anders gewertet werden, als jene der Frauen (Demirovic. 1995: 205f).
Ich denke dass diese historische Ausklammerung weiblicher Beiträge zur Wissenschaft dazu führte, dass feministische Theorie und Praxis in der Gegenwart wesentlich enger verwoben sind, als viele andere Bereiche der Politik. Ich möchte in diesem Beitrag eine Idee dieser Verwobenheit zeigen. Daher lautet meine Fragestellung wie folgt:
Welche Differenzen zwischen Theorie und Praxis des „Multikulturalismus“ Begriffes ergeben sich und welche Auswirkungen hat dies auf die Repräsentation muslimischer Frauen?
Meine Hypothesen diesbezüglich sind folgende:
Mit dem Begriff des Multikulturalismus sind häufig negative Konnotationen, besonders die der „(mangelnden) Anpassungsfähigkeit“ und „Integration“ verbunden. Dies trifft Frauen die ihre „kulturelle Andersartigkeit“ nach außen hin sichtbar machen besonders schwer. Denn die politischen Strategien einzelner Parteien beschäftigen sich häufig damit.
Bevor ich im Hauptteil meine Argumente erläutere möchte ich kurz darauf hinweisen, dass alle Begriffe die im Zusammenhang mit der politischen Strategie des „Multikulturalismus“ stehen von mir bewusst in Anführungszeichen gesetzt werden. Ich halte das in dieser Arbeit für besonders wichtig, da häufig populistische Assoziationen mit den gewählten Begriffen verbunden werden. Am Ende möchte ich schließlich noch einmal die wichtigsten Punkte zusammenfassen und einen kleinen Vorschlag zur Lösung der Debatte unterbreiten.

Hauptteil
Migrantinnen kommt in der „Multikulturalismus“-Debatte eine zentrale Rolle zu. Sie erfahren eine multiple Unterdrückung, zum einen durch ihre Position als Frau und weiter durch ihren Status als „die Anderen“ in der politischen „Ausländerdebatte“. Mittelpunkt des politischen Interesses sind höchstens die Defizite der Migrantinnen. Ihnen wird unterstellt „Sprachlos zu sein und ihre „Kultur“ wird per se als rückschrittlich wahrgenommen“ (vgl. URL 2). „Kultur“ ist hier das interessante Stichwort und Teil des Begriffes „Multikulturalismus“. In der politischen Praxis wird dieser Begriff häufig als Keule in der Integrationsdebatte verwendet (vgl. URL 1). Kulturrassismus hat den biologischen Rassismus in vielen Bereichen der politischen Praxis schon abgelöst. Aber was versteht man unter Kulturrassismus genau?
„Wir müssen aufpassen, dass die Fremden uns nicht einen Teil unserer Kultur stehlen… Wir müssen unsere Kultur bewahren“ – das sind bekannte Sätze von Rechtspopulisten.
Vermutlich sind vielen von uns FPÖ Slogans wie „Daham statt Islam“ nur zu gut bekannt. Im Kulturrassismus wird versucht, eine Debatte über die „kulturell Anderen“ zu führen, nachdem wissenschaftliche Fakten den biologischen Rassismus längst widerlegt haben. Im Gegensatz zum biologischen Rassismus, in welchem Personen bestimmte Eigenschaften aufgrund äußerlicher, körperlicher Merkmale zugeschrieben werden, versucht der Kulturrassismus die mangelnde Anpassungsfähigkeit von Personen aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds zu betonen (vgl. URL3).
Im Zentrum politischer Kulturarbeit sollte in der Praxis das Engagement für eine gleichberechtigte und sozio-kulturell diversifizierte Gesellschaft stehen. In Wahrheit ist politische Kulturarbeit oft eine Strategie, die der Partei helfen soll sich in der Integrationsdebatte zu positionieren.
„Multikulturalismus“ wie er im Moment kommuniziert wird, reproduziert rassistische Stereotypen und verstärkt Klischees über MigrantInnen. „Multikulturalismus“ ruft zur Toleranz gegenüber dem „Anderen“ auf und lässt es so erst entstehen. Es entstehen negative Erfahrungen mit der Migrationspolitik, denn es wird über die „MigrantInnen“ geredet, aber nicht mit ihnen. Eine interessante Debatte um den Begriff des „Anderen“ im Zusammenhang mit Kultur entstand schon einige Jahre zuvor, als Lila Abu-Lughod mit „Writing against culture“ zu einem kritischen Umgang mit dem Kulturbegriff aufrief. Warum ist nun der feministische Diskurs von dieser Debatte besonders betroffen? Durch den „Multikulturalismus“ Begriff wie er in der politischen Praxis verwendet wird, wird die multiple Unterdrückung der Migrantinnen, welcher sie ohnehin schon aufgrund von Geschlecht und Herkunft ausgeliefert sind, noch zusätzlich verstärkt. Ich möchte am Beispiel von Migrantinnen mit Kopftuch erläutern, warum diese besonders betroffen sind.
In der „Kopftuchdebatte“ kommt für die Frauen erschwerend hinzu, dass sie die ihnen unterstellte „kulturelle Anderartigkeit“ nicht nur in sich tragen sondern auch sichtbar machen. Und somit werden sie auch besonders angreifbar in der Debatte um „westliche Werte“.
Ein wichtiges Problem hierbei ist: Ein Kopftuch zu tragen kann man nicht mit „schwarz sein“ gleichsetzen. Deshalb sehen sich muslimische Frauen die ein Kopftuch tragen besonders häufig damit konfrontiert, dass sie ja ihr Kopftuch abnehmen könnten, im Gegensatz zu einer dunkelhäutigen Frau, die ihre Hautfarbe nicht einfach abstreifen kann. Es wird den „Kopftuchträgerinnen“ vorgeworfen, es als politisches Statement oder auch „absichtlich“ zu tragen. Das führt zu einer neuen Dimension der Diskriminierung.
Es führt zu der gleichen Problematik wie in den frühen Sexismus Debatten. Die Frau mit Kopftuch wolle ja anders behandelt werden, weil sie sich freiwillig anders macht. In den frühen Sexismus Debatten hieß das noch, die Frau wolle ja schließlich berührt werden, da sie sich kaum etwas anzieht. Was können wir diesem Problem nun entgegnen?
Das Assemblage Modell von Jasbir Puar kann uns dabei helfen vieles sichtbarer zu machen. Sie schlägt vor Intersektionalität als intellektuelle Kategorie und als Werkzeug politischer Intervention durch den Begriff „(queere) Assemblage“ zu ergänzen oder auch zu komplizieren. Assemblages, also ungeordnete Netze sollen helfen Verfestigungen die durchh intersektionelle Identitätsmodelle geprägt werden, zu ersetzen [vgl. URL5]. Puar meint dass:
„Intersektionalität sich in den Kämpfen des second wave-Feminismus als zentrale Intervention schwarzer Feministinnen entwickelt hat, um die hegemonialen Kategorien ‚Rasse’, Klasse, Geschlecht in vorwiegend weißen feministischen Zusammenhängen in Frage zu stellen. Aber genau durch diese Intervention verfestigt sich paradoxerweise ein Verständnis der sexuellen Differenz als fundamentaler Kategorie, das es zu durchbrechen gilt“ [URL4].
Das Modell könnte uns also dabei helfen, die Begriffe „Kopftuch“ und „muslimisch“ zu trennen. Wir müssen lernen bestimmte Kategorien voneinander zu unterscheiden, um der Verfestigung von kulturrassistischen Vorurteilen vorzubeugen.

Conclusio
Es war mein Anliegen mit dieser Arbeit einen kleinen Beitrag zur „Multikulturalismus“-Debatte zu leisten, sowohl auf der praktischen als auch auf der theoretisch-politischen Ebene. Ich halte es für wichtig die Verwendung dieses Begriffes in das Zentrum der Diskussion um kulturellen Rassismus zu stellen. Unterschwellig erfolgt in der politischen Praxis mit dem „Multikulturalismus“ immer eine Diskriminierung. Es wird eine Vermengung der „normalen“ Gesellschaft mit den „Anderen“ unterstellt. Dies trifft muslimische Frauen zum Teil besonders stark, da man ihnen im Zuge der „Kopftuch-Debatte“ automatisch eine „fremde Kultur“ und „Andersartigkeit“ unterstellt und sie so unfreiwillig zum Teil des „Multikulturalismus“ im politischen Diskurs werden.
Eine mögliche Lösung für die Zukunft könnte ein sensiblerer Umgang mit den unterschiedlichen Begriffen sein, die im Zusammenhang mit dem „Multikulturalismus“ in der politischen Rhetorik verwendet werden. Auch im Bereich politischer Bildung könnte man hier besonders bei jungen Menschen, zum Beispiel Schülern ansetzen. Zudem muss der Begriff des „Multikulturalismus“ auch auf akademischer Ebene überdacht und diskutiert werden. Besonders im Rahmen feministischer, politischer Theorien.
Zuletzt möchte ich noch einmal Demirovic anführen, der das Beispiel Olympe de Gouges genannt hat. Möglicherweise ist das Problem des „Multikulturalismus“ (auf akademischer Ebene) ähnlich zu betrachten. Es existieren womöglich zu wenige Beiträge der betroffenen Frauen, da über und kaum mit ihnen geredet wird. Zum Teil werden diese Beiträge sicher auch immer noch anders gewertet. Das Problem dieser feministischen Theorie, der Unsichtbarkeit der Frauen, hat sich also nicht aufgelöst, sondern zum Teil nur verlagert.
Kreisky schlägt Feminismus als „erweiterte Denkungsart“ vor. Feminismus soll sich in herrschafts- und machtkritischer Weise mit politischen Verhältnissen auseinandersetzen (dies. 2004: 42f). Ich schlage dasselbe für die „Multikulturalismus“ – Problemantik vor, besonders innerhalb der feministischen Debatten. Gerade im akademischen Diskurs muss man sich seiner eigenen (möglicherweise privilegierteren) Position bewusst bleiben um Bündnisse einzugehen, die am Ende auch etwas in dieser Debatte bewegen können.

Quellenverzeichnis
Literatur
Demirović, Alex (1995). Aspekte der theoretischen und politischen Praxis politischer Theorie. In: Kramer, Helmut (Hg.). Politische Theorie und Ideengeschichte im Gespräch, WUV, Wien, 204-211
Kreisky, Eva (2004). Geschlecht als politische und politikwissenschaftliche Kategorie. in:
Rosenberger, Sieglinde/Sauer, Birgit (Hg.). Politikwissenschaft und Geschlecht. Konzepte,
Verknüpfungen, Perspektiven. WUV, Wien, 23-43
Onlinequellen
[URL1]: FeMigra (1994). Wir, die Seiltänzerinnen. Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation
In: Eichhorn, Cornelia & Grimm, Sabine (ed.). Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik. Edition ID-Archiv. Berlin. 49-64. –> online:
http://www.nadir.org/nadir/archiv/Feminismus/GenderKiller/gender_5.html
[URL2]: Ongan, Gamze (2001). Phantasma Migrantin
In: [sic!] (37). 24/25. –> online:
http://www.peregrina.at/docs/phantasma_migrantin-1.pdf
[URL3]: Über den neuen Kulturrassismus
http://www.dasbiber.at/content/%C3%BCber-den-neuen-kulturrassismus-und-die-islamfeindlichkeit.-eine-rezension
[URL4]: Puar über Assemblage
http://eipcp.net/transversal/0811/puar/de
[URL5]: Gender Wiki
http://www.genderwiki.de/index.php/Jasbir_Puar

 

 

Veröffentlicht von Mariele Friesacher am 22.03.2017

Verfasst im Rahmen der Universität Wien (Institut für Politikwissenschaften), am 12.03.2013.

 

 

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