Entstehungsgeschichte der Gewerkschaften: Vorbedingungen

Geschrieben von Nikola Petkanov am 3. Oktober 2016 „No Logo„.

Die Gewerkschaft hat heutzutage ihren historischen Kontext verloren und hängt in der Luft – so scheint es zumindest. Ein Grund dafür ist die „Entpolitisierung der Gesellschaft“ und das damit verbundene rechtskonservative Denkmuster. Dieser Beitrag stellt eine Reihe von Artikeln dar, welche die Entstehung und Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in ihrer Metamorphose der letzten drei Jahrhunderten durchleuchtet. Dieser Artikel wurde verfasst, in der Hoffnung, dass es sowohl den bulgarischen als auch den internationalen Gewerkschaften nützlich sein wird – von älteren Generationen zu lernen.

In diesem ersten Teil der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung werden wir die Bedingungen und Voraussetzungen für die Entstehung der Gewerkschaften Arbeiter analysieren.

Genesis des Syndikalismus

Der Ursprung der Gewerkschaften kann bis ins 18. Jahrhundert in Großbritannien zurückverfolgt werden. Genau dort wo die schnelle Industrialisierung und die Ausbreitung der kapitalistischen Verhältnisse in der Gesellschaft große Massen von Männern, Frauen und Kinder aus ländlichen Gebieten in die Städte lockten, um diese auszubeuten.

Die Folgen der Industrialisierung führte zum Niedergang von vielen Berufsgruppen, wie u.a. der kleinen städtischen Handwerker. Das Meer von schwach ausgebildeten Arbeitskräften, welche aufgrund der technischen Entwicklung keine Arbeit fanden, beganen daraufhin sich spontan in Gemeinschaften (Assoziationen) zu organisieren, die in später Folge die Basis der Gewerkschaften bildet.

Die Gewerkschaften, also der Syndikalismus ist als eine Reaktion auf den Kapitalismus zu verstehen. Nicht zufällig entstand diese soziale Basis-demokratische Bewegung auch in England – der Mutter des „Manchester-Kapitalismus“ und der Fließbandarbeit. Um diese Bewegung besser zu verstehen, müssen wir also die Vorbedingungen des Kapitalismus kennen, also genauer gesagt die Entwicklung des Privateigentums und des modernen Nationalstaates. Als das alte „aristokratische System“ (u.a. der Absolutismus und Feudalismus) an politischen Revolutionen zerbrach, gelang es einer neuen sozial-politischen Klasse (Kaufleute, Banker und Unternehmer) sich aufgrund der globalen Ausbeutung (Kolonialismus) an die Machtspitze zu bewegen. Diese wirtschaftliche Macht transformierte diese „neue Elite“ auch in eine politische Macht, aufgrund der Einführung des Parlamentarismus und des Zensuswahlrechts (dh. die reichsten Bürger durften von nun an politischen Privilegien genießen). Dies war zugleich auch die Geburtsstunde des modernen Nationalstaates. Die Interessen der Wirtschaftselite und die der politischen verwoben sich ineinander und dies bedeutete eine expansive Außenpolitik im Rahmen des Nationalstaates (Kolonialismus u. später Imperialismus) und anfangs einen strengere Innenpolitik (Zerschlagung der Arbeiterbewegungen – z.B. Haymarket Riot 1886). Dieser Prozess wird durch die technologische Revolution begleitet, welche es ermöglicht größere Flächen der Landwirtschaft zu bearbeiten. Die Einführung dieser Technologien (Maschinen, Fließbänder usw.) nimmt jedoch vielen den Arbeitsplatz weg und sorgt für einen demographischen Aufschwund in der Geburtenrate. Ein paradoxes Bild ist zu sehen: auf der einen Seite eine höhere Ausbeutung von Mensch und Umwelt und auf der andere Seite ein höherer Wohlstand und ein rapider Wachstum der Bevölkerung. Feudale Verhältnisse wurden gebrochen, ein großer Teil der Feudalaristokratie gestürzt und eine neue „städtische Klasse der Kaufleute und Bankiers“ genannt Bourgeoisie (von bourg – Stadt ). entstand. Es ist diese Kombination aus den oben erwähnten Faktoren, welche zu der größten Migrationen in der Geschichte der Menschheit resultierte und welche bis heute noch andauert – die Rede ist von der Abwanderung aus den ländlichen Gebieten in die Städte.

Das wachsen der Städte hingegen ist die Grundbedingung für die Entstehung des Industriekomplexes, das billige Arbeitskräfte braucht. In den Industrien zu dieser Zeit wurden die geringqualifizierten Arbeiter unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen, meist ohne Versicherungen und Zusatzgehälter angestellt. Obwohl die Arbeiten in den Fabriken lebensgefährlich war und sogar Kinderarbeit mit einschloss, begann der Konkurrenzkampf zwischen den Arbeiter. Die schwach qualifizierten Arbeiter verkauften förmlich ihre Arbeit in einem wettbewerblichen Umfeld. Dies ermöglichte den Arbeitgebern die Löhne zu senken und die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern – es entstand eine Art „Gefangenendilemma“. Oder anders formuliert ein nackter Kampf ums Überleben, im sozialdarwinistischem Stil.

Voraussetzungen für die Selbstorganisation

Neben der Armut und der Bereitschaft zur Arbeit, bringen die Menschen aus den ländlichen Gebieten etwas anderes: nämlich einen kooperativen und demokratischen Geist der alten ländlichen Gemeinden. Sie sind die Nachkommen der alten Tradition und der alten Werte der gegenseitigen Hilfe und Selbstverwaltung. Menschen mit ihren Traditionen, die sie es geschafft haben, in ständiger Auseinandersetzung mit der feudalen Macht sich solidarisch zu organisieren. Da dieser freie Geist auf die erschreckenden Arbeitsbedingungen der kapitalistischen Ausbeutung zusammenprallte, verwundert es niemanden, dass gerade in England zur Zeit der industriellen Revolution, sich Arbeiterorganisationen, Bündnisse und Selbsthilfegruppen manifestierten. In diesen Verbänden und Organisationen, welche meist nicht legal genehmigt wurden, fand man stehts die gleichen Prinzipien: Basisdemokratie und Solidarität. Das wachsende Gefühl des Klassenbewusstseins war schlussendlich der Katalysator, der zu organisierten Aktionen der Arbeiter führte. Diese Aktionen kann man als Selbstschutz betrachten. Der Staat jedoch reagierte mit Strafen, Gefägnis und schickte meist die staatliche Exekutive. Im 18. Jahrhundert wurden Gewerkschaften und ähnliche Arbeiterbewegungen gesetzlich verboten. In Folge dessen organisierten sich die Arbeiter still und heimlich und nannten ihre Gewerkschaften von da an: „Freundschaftbund“. Bald entstanden mehrere solcher „freundschaftlicher Gruppen“ und diese schlossen sich später auf einem nationalen Niveau zusammen. Dies markiert nicht nur die erste organisierte Arbeiterbewegung des Kapitalismus, sondern auch die erste sich herauskristalisierende „Klassenrivalität“.

 

 

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