Ethnische Gewalt und das Konzept der Demobilisierung

Einführung

Bücher über den gewaltsamen ethnischen Krieg oder zumindest vom Mythos desselben wurden schon öfter verfasst. Aber selten gelang den AutorInnen eine so eindringliche Beschreibung elitärer Strategien und ihrer Auswirkung auf die Bevölkerung wie es Valère Philip Gagnon in The Myth of Ethnic War gelingt.

In dieser Analyse möchte ich zunächst den Inhalt, also zentrale Argumente und relevante Thesen von Gagnons Buch zusammenfassen. Danach widme ich mich dem Kontext seiner Ausführungen, versuche ihn in den Debatten seiner Zeit und den Denkschulen zu verorten und behandle im Anschluss auch seinen persönlichen Bezug zu dem Thema Osteuropa, insbesondere Jugoslawien. Im dritten Teil versuche ich mich an einer kurzen Rezeptionsgeschichte seines Buches, um die Wirkung seines Werks nachvollziehen zu können und es für aktuelle Belange fruchtbar zu machen.

Nationalismus, Gewalt und die Entstehung eines Mythos

Gagnon behandelt in seinem Buch den Mythos eines ethnischen Krieges, genauer noch, den Mythos des Jugoslawienkrieges in den 90er Jahren. Dabei argumentiert er gegen die weitverbreitete Annahme, dass der Jugoslawienkrieg die Folge eines über Jahre schwelenden, ethnisch bedingten Konfliktes war. Dieser Konflikt entlud sich in Form massiver ethischer Gewalt, welche die Länder bis heute nachhaltig prägt. Dieser Auffassung stellt Gagnon ein Konzept gegenüber, welches die Rolle der Eliten in der Vorbereitung und den Prozess dieses Krieges näher beleuchtet. Dabei fokussiert er nicht nur auf die politische Führung, sondern auch auf die Rolle der Medien und deren Nähe zum politischen Establishment. Gagnons Kernargument ist dabei das Konzept der Demobilisierung. Genauer gesagt der Versuch der Eliten die Bevölkerung mittels nationalistischer Mittel zu demobilisieren. Dabei geht es Gagnon vor allem um den Diskurs der Eliten über ethnischen Nationalismus und die Vermittlung von Bildern der vermeintlich ethnisch bedingten Gewalt. Die politische Elite in Jugoslawien wollte ihre Macht um jeden Preis erhalten. Während die Bevölkerung und die politische Opposition nach dem Umbruch neue politische Strukturen etablieren wollten, fand die Machtelite des ehemaligen Kaders keinen Zuspruch mehr. Die neuen, neoliberalen Bestrebungen der Regierungsparteien fanden bei den BürgerInnen und der Opposition keinen Anklang.  Daher wurde Nationalismus als Mittel eingesetzt um die überfällige, demokratische Reform zu verhindern. Mehr noch, der ethnisch-nationalistische Diskurs überschattete Fragen der bestehenden Ungerechtigkeiten, Fragen nach Lösungen:

By using the image and discourse of injustices being perpetrated against innocent civilians by evil others defined in ethnic terms, conservative elites managed successfully to divert attention away from the demands for change toward the question of these injustices“ (Gagnon. 2004: 181)

Gagnon schafft es mit seinem Ansatz des sozialen Konstruktivismus einen neuen Zugang zu dem sperrigen Thema des Jugoslawienkrieges zu finden. Wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, wurde der Balkankrieg im Westen auf sehr einseitige Weise wahrgenommen. Die Erklärung eines ethnischen Konfliktes schien an der Oberfläche logisch, da die Medien die Mutli-ethnische Bevölkerung leicht als Ursache ausmachen konnte. Zusätzlich zu dieser verzerrten Wahrnehmung, ist auch der neoliberale Einfluss des Westens lange Zeit unbeachtet geblieben. Gagnon schreibt von einem Bedürfnis der Eliten, einer Präferenz die Veränderungen in Jugoslawien lediglich auf die Wirtschaft zu beschränken, während die Menschen dort eine viel tiefgreifendere Veränderung anstrebten. Auch in der Opposition fand die konservative Elite keine Verbündeten für diese Pläne, gehörte diese doch zu den stärksten KritikerInnen des kapitalistischen Systems. Die Opposition sah in neoliberalen Strategien den simplen Machterhalt der alten Elite und lehnten diese ab. Gagnon stellt aber am Ende auch die Frage warum diese Eliten ihre Wahlen letzten Endes, also im Jahr 2000 dann doch verloren. Er macht dafür drei Gründe aus. Erstens kam es durch die Einbringung internationaler Streitkräfte zu wortwörtlich neuen Bildern des Konfliktes. Dadurch war auch die mediale Elite Jugoslawiens dazu gezwungen ihre Berichterstattung zu verändern. Zweitens war die Strategie der Demobilisierung schlicht ab einem gewissen Punkt erschöpft und die Bilder und Reden von Gewalt hatten keine Wirkung mehr. Nicht zuletzt war es das zu große Selbstbewusstsein und der damit einhergehende, immer stärker werdende Nationalismus der die Eliten ihre Macht kostete (vgl. Gagnon. 2004: 183f). Gagnons Schlussfolgerung ist oberflächlich betrachtet keine völlig neue Erkenntnis. Dennoch bringt er mit der Demobilisierung ein neues Konzept in die Kriegsforschung ein, dass besonders im Hinblick auf die aktuellen nationalistischen Tendenzen vielerorts Aufsehen erregen könnte. Im nächsten Kapitel kommen wir auf die Person Gagnon selbst zu sprechen und werden versuchen die Hintergründe seiner Arbeit zu erörtern.

Demobilisierung und ethnische Mythen im Kontext des Diskurses

Valere Philip Gagnon ist arbeitet heute als Chip Gagnon als Professor der Politikwissenschaft an dem Judith Reppy Institute für Frieden und Konflikt an der Cornell Universität in Ithaca, New York. Sein Forschungsschwerpunkt liegt bei internationalen Beziehungen und vergleichender politischer Analyse. Thematisch behandelt er ethnischen Konflikt, politische Demobilisierung, Demokratie und das ehemalige Jugoslawien. Unter anderem unterrichtet er Kurse zu Terrorismus und globaler Migration. Ein weiteres Werk von ihm ist Post-Conflict –Studies: An interdisciplinary approach (vgl. URL1). Seine Motive zum Verfassen des Buches, lagen in seinen Besuchen in Jugoslawien vor und nach dem Krieg. Er konnte nicht verstehen was mit diesen Ländern passiert war, die ihn zuvor mit ihrer Kultur so sehr fasziniert hatten. Der westliche Journalismus hatte viele Erklärungen parat, aber keine wollte Gagnon so recht passen. (vgl. Gagnon. 2006: xiiif). In diesem Zusammenhang spricht er auch über sein Motiv für das vorliegende Buch:

In this book I also argue for a reexamination[sic] of the attitudes toward this region on the part of the West, and why the ethnic hatreds thesis is so strongly held despite evidence to the contrary. We need to look at what it tells us about ourselves that the myth of ancient ethnic hatreds continues to hold such a strong sway over our imagination” (Gagnon. 2004: 188).

Der Diskurs der Medien erinnert damals wie heute an ein Phänomen, das in der Osteuropaforschung schon Jahre zuvor Berühmtheit erlangte. Das Phänomen des Balkanismus. Der Jugoslawienkrieg wird häufig als Beispiel herangezogen um in geradezu orientalistischer Manier auf die Unzivilisiertheit Osteuropas hin zu weisen. Maria Todorova schreibt in Imagining the Balkans zu dieser seit Jahrhunderten eingeübten Gewohnheit des Westens und der damit einhergehenden Balkanisierung:

In non-Yugoslav Balkans, the war in the former Yugoslavia is referred to exclusively as the Yugowar or the war in bosnia. In Western Europe, it is usually defined as the war in ex-Yugoslavia or in Bosnia, although there is occasional mention of a Balkan war. In the United States, the war is usually generalized as „the Balkan war“ […]“ (Todorova. 1997: 186).

Auch wenn das soziale Konstrukt des Balkans nicht Gagnons wichtigste These ist, so ist sie doch bedeutend für die Ausgangslage durch die er zu seiner Fragestellung überhaupt erst gekommen ist. Ein verzerrtes Bild des Westens hinterließ Lücken in der Analyse eines der prägendsten Ereignisse im Postkommunismus. Gagnons Denken und ideologische Herangehensweise sind daher im sozialen Konstruktivismus zu verorten. Wie er selbst sagt, ist dies die einzige Methode die das Konzept der Demobilisierung fassen kann:

Taking the social constructivist approach means not assuming the existence og „groups“ as unitary actors with a common identity and single notion of groupness. It also means delving much more deeply into the processes related to social reality, recognizing and taking seriously the notion that identifications are contextual and fluid, and exploring how elites use their control over various resources in order to try to change, tap into or homogenize those identities” (Gagnon. 2004: 188).

Die Frage danach wie die Ideen des Westens häufig die Geschichte der übrigen Welt prägen ist ein Problem, das so alt ist wie der Kulturimperialismus selbst. Mittels einer Analyse der Eliten und deren Machtbestrebungen schafft er es, diesem einseitigen Blick zu entkommen und lenkt den Fokus auf neue, viel wesentlichere Problemstellungen. Im Folgenden beschäftigen wir uns mit einigen Einwänden gegen Gagnons These der Demobilisierung und versuchen die Schwächen des Buches aufzudecken. Danach möchte ich versuchen die Aktualität seiner These zu prüfen.

Nachwirkung und Aktualität

So überzeigend Gagnons Argumente bis jetzt wirken, er erntete dennoch Kritik für seine Thesen. Stiks publizierte 2015 zu Jugoslawien und übte in seinem Buch Kritik an Gagnon. Zwar stimmte er zu, dass die Eliten eine große Rolle gespielt hätten, das Argument der Demobilisierung war für ihn jedoch nicht gut durchdacht. Gagnon schenke den genauen Strategien der Demobilisierung aber auch der Mobilisierung nicht genug Beachtung. Stiks spricht davon, dass es erstens eine Mobilisierung der Bevölkerung, mithilfe ethnonationalistischer Propaganda gab und zugleich eine Demobilisierung der Opposition. Zweitens unterscheidet Gagnon die unterschiedlichen Dynamiken in Serbien und Kroatien nicht ausreichend. Auch die Rollen von Dritten, wie etwa der slowenischen JNA und dem Premier Ante Markovic unterschlägt Gagnon Stiks zufolge (vgl. Stiks. 2015).

Toal und Dahlman kritisieren vor allem Gagnons Entwurf der Eliten als die Konservativen. Sie sind der Meinung, dass diese Bezeichnung nicht genügt um die radikale und oft auch romantisch-nostalgische Politik die verfolgt wurde ausreichend zu beschreiben (vgl. Toal/Dahlman. 2011: 25ff). Diese Kritikpunkte haben durchaus ihre Berechtigung und das Konzept der Demobilisierung hat in der Tat die eben genannten Lücken. Nichtsdestotrotz möchte ich kurz auf die Aktualität seines Konzeptes eingehen. Das Beispiel der Bush Ära, das von Gagnon nicht zuletzt aufgrund der Sorge um einen neuen Balkanismus in Bezug auf die mediale Elite angesprochen wird, verdeutlicht umso mehr welche Rolle den Medien zukommt, wenn es um die Bildung von Begriffen und die Bebilderung ihrer Erzählungen geht. Gagnon setzt Bushs Politik in Folge der Ereignisse vom 11. September ebenfalls in den Kontext der Demobiliserung. Bushs Strategie „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ ließ nur zwei Positionen zu, entweder die Solidarität mit dem Präsidenten und den Staaten oder die Solidarität mit den Terroristen. Genauer:

This move was justified with reference to the mortal danger now facing the U.S. population, the innocence of the United States and of the victims of the attack, the characterization of the enemy in cultural terms as evil while identifying “our” side as the epitome of goodness. Those states which did not publicly support, or which criticized, the policies of the U.S. ruling party were denounced as enemies of the United States, as being motivated by hatred and jelousy and by anti-Americanism” (Gagnon. 2004: 191).

Aktuell und im Hinblick auf die immer lauter werdenden Proteste gegen den amtierenden amerikanischen Präsidenten Donald Trump scheint sich dieses Konzept erneut zu bestätigen. Denn die Proteste sind begleitet von einem überwältigend negativen Medienecho auf die Handlungen Trumps. Auch wenn die Kritik an ihm und die Wut auf seine politische Agenda und seine Handlungen ihre Berechtigung haben, so wäre es doch interessant welche Dynamik die Proteste ohne den Widerhall der Medien gehabt hätten.

 

Conclusio

Mit The Myth of Ethnic War gelang es Gagnon, die Rolle der Eliten ganz neu zu entschlüsseln. Das Konzept der Demobilisierung mag mit Schwächen zu kämpfen haben, dennoch eröffnet der sozial-konstruktivistische Ansatz aus dem heraus es entstand ist eine neue Perspektive. Die Repräsentation und die Abbildung des Eigenen und des Fremden innerhalb des medialen Diskurses sind wirkmächtiger als wir sie an der Oberfläche empfinden. Es wird eine spannende Aufgabe sein, die Verlagerung dieser Diskurse auf die sozialen Medien weiter zu beobachten.

 

Literatur

Brubaker, Rogers.1998. „Myths and Misconceptions in the Study of Nationalism.“ In: The State of Nation: Ernest Gellner and the Theory of Nationalism, hrsg. von John Hall. Cambridge: Cambridge University Press, 272 – 305.

Gagnon, Valère Philip. 2004. The Myth of Ethnic War: Serbia and Croatia in the 1990s. Ithaca: Cornell University Press.

Stiks, Igor. 2015. Nations and Citizens in Yugoslavia and the Post-Yugoslav States: One Hundred Years of Citizenship. Oxford: Bloomsbury Academic.

Toal, Gerard/ Dahlman, Carl. 2011. Bosnia Remade: Ethnic Cleansing and Its Reversal. Oxford: Oxford University Press.

Todorova, Maria. 1997. Imagining the Balkans. Oxford: Oxford University Press.

Onlinequellen

[URL 1] Chip Gagnon Biografie

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Veröffentlicht von Mariele Friesacher BA BA, Wien am 10.01.2017.

 

 

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